| Erinnerungen
von Gisèle Räderscheidt an eine Reise mit A.R. und Ihren Söhnen
Vincent und Pascal nach Barjols im Jahre 1963 und 1978
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Barjols erster Besuch im Jahr 1963 Im Sommer des Jahres 1963 als wir aus den Ferien zurückkamen, hatte Anton Lust, Barjols wieder zu sehen. Wir hatten einen glücklichen Monat in La Ciotat mit Vincent und Pascal verbracht und Etienne hatte uns einen Blitzbesuch gemacht. In Barjols hatte sich nichts
verändert. Anton zeigte uns das Haus, in dem Ilse und er mit den beiden
Kindern Ernst und Brigitte gewohnt hatten: ein Bistro mit einer Terrasse.
Auf ebendieser Terrasse hatten sie damals, um nicht Hungers zu sterben,
Kaninchen gezüchtet. Wir waren alle sehr entspannt, Anton ließ von seiner
Gemütsbewegung nichts durchscheinen. Auf diesem Gebiet war er ein Meister.
Wir suchten die Brunets und gingen zum Tabakladen, den sie früher einmal
hatten. Dort erfuhren wir, dass sie sich von ihrem Geschäft zurückgezogen
hatten und nun ein paar Häuser weiter wohnten. Anton klopfte und zwei alte
Leutchen empfingen uns, zuerst waren sie verblüfft und verstanden die ganze
Situation nicht, ich war jung, in Bermudas, braun gebrannt und ohne
jeglichen Bezug zur Vergangenheit. Nachdem ihre Überraschung abgeklungen
war und sie begriffen hatte, dass ich Antons neue Frau und die Mutter
dieser beiden hübschen Kinder war, verfinsterte sich Madame Brunets
Gesicht. Sie war in Antons Alter, die Eifersucht war in ihr hochgestiegen
und begann aus ihren Augen zu funkeln, der alte Brunet war dagegen ganz
ausgelassen und schien überhaupt nichts gegen ein bisschen Jugend in seinem
Haus zu haben.
2. Besuch in Barjols 1978 Ich fuhr ein zweites Mal
nach Barjols, es war im September 1978, nachdem ich mich entschlossen hatte,
ernsthaft für eine vollständige Biographie Anton Räderscheidt's zu
recherchieren. Ich hatte nur wenige konkrete Anhaltspunkte - meine
Erinnerung und die Erzählungen Antons und Brigittes - Das war alles. Der
Besuch von 1963, den ich gerade beschrieben habe, gab mir vielleicht einige
Schlüssel. Ich war nicht gerade frohen Herzens, als ich in die Allée Louis
Pasteur einbog. Ich ließ meinen Wagen unter den großen Platanen stehen. Es
war glühend heiß. Ich setzte mich auf die Terrasse des Cafés unter Antons
und Ilses Wohnung und weinte in meinen Pernod. Ich hatte keine Hoffnung
mehr. Der Kellner erklärte mir, die Brunets seien gestorben. Anton war auch
tot. Ich stand vollkommen alleine da - jetzt war auch ich alt. Ich sah
Antons Geist inmitten der Alten beim Boulespielen, ich stellte mir vor, wie
Ernst dort mit seinen achtzehn Jahren ankam und seine ersten Gedichte
schrieb, die seine letzten sein sollten. Ilse, Arm in Arm mit Anton in ihren
letzten glücklichen Jahren, nicht wissend dass ihr Feind der Krebs war und
dass er schon in ihr war. Man würde ihr 1944 nach ihrer Ankunft in der
Schweiz eine Brust abnehmen und 1946 die andere und 1947 würde sie in Bern
sterben. Ich dachte, wie sich genau über meinem Kopf die Tragödie abgespielt
hatte, die Ernst das Leben kostete. Wie eines Morgens die Gendarmen an die
Tür geklopft hatten. Ernst öffnete Ihnen. Er sprach fließend und ohne Akzent
französisch und debattierte mit ihnen, solange er konnte, damit die anderen
durch das Fenster in den Hof springen konnten. Sie haben ihn abgeführt. Es
war am 7. September 1942. ( Im Register von Serge Klarsfeld: "Le mémorial de
la deportation des Juifs en France" habe ich gefunden, dass Ernst am 7.
September 1942 in Drancy ankam, dort "in letzter Minute“ verladen wurde und
am 9. September in Auschwitz ankam.) Die Leute um mich herum lachten, eine
fette Belgierin leckte gierig an ihrem Eis, Ihre Göre lief zwischen den
Tischen herum und ich war in meinen Erinnerungen verloren und starr vor
Angst. Ich hatte allen Mut verloren und war mir der Unanständigkeit meines
Vorhabens bewusst. Ich hatte den Eindruck, ich vergewaltigte ein Schicksal,
das mich nicht anging. Ich war der Eindringling, der sich in ihre Intimität
schlich, in diese Familie, die vier Namen hatte und dennoch so einig war.
Ich ging zu meinem Wagen zurück, um aus dieser Hölle herauszukommen. Vor dem
Haus der Brunets saßen zwei alte, schwarz gekleidete Damen und
verschnauften von der Hitze des Tages. Ich fragte sie, wo denn die neue
Madame Brunet wohne - der Alte hatte nämlich mit achtzig Jahren noch einmal
geheiratet. "Aber das bin ja ich", antwortete mir die Kleine ganz stolz, "
Was wollen Sie denn von mir?" Der Geist sprühte aus ihren Augen, ihr Blick
war mild, sie hatte einen provenzalischen Akzent - das brachte mich wieder
auf die Beine. Ich begann, meine Geschichte zu erzählen und sie lud mich
ein, mit zu ihr hinaufzukommen. Und so sah ich diese Wohnung wieder, in der
wir dreizehn Jahre zuvor mit Anton waren. Nichts hatte sich verändert und
dennoch war es nicht dasselbe. Die beiden kleinen Alten sind ganz aus dem
Häuschen - so einen Besuch haben sie nicht alle Tage - sie fallen sich ins
Wort, sie lachen, sie erzählen sich Dummheiten wie kleine Schulmädchen im
Komplott. Sie sind komisch und erzählen mir komische Sachen. - Sie tun mir
richtig gut-. Nach diesem Besuch fuhr ich noch zwei Mal durch Barjols. Wie eine Diebin, den Kopf zwischen den Schultern eingezogen, fuhr ich schnell im Auto vorbei und schämte mich, als ich sie wie damals vor ihrer Tür sitzen sah, friedlich und traulich wartend, vielleicht von ihrem Emile träumend. Aber ich hatte den Film verdorben, der Apparat hatte nicht transportiert. Auf diesem Gebiet bin ich eben nicht begabt. Ich wollte ihr auch nicht sagen, dass ich sie belogen hatte. Und außerdem war ich nicht allein. Das glaube ich, war der eigentliche Grund. Ich wollte meinen Lebensgefährten nicht mit in Antons und Ilses Vergangenheit nehmen - Das ging ihn nichts an - Das war ganz allein meine Sache. |