Im Frühjahr 1939
wurden die Flüchtlinge des spanischen Bürgerkrieges in Aufnahme- und
Sammellagern festgesetzt; unmittelbar nach Kriegsausbruch erfolgte die
zweite Internierungswelle, die sich gegen die deutschen Emigranten
richtete. Am 7. September 1939 wurden alle männlichen Emigranten zwischen
siebzehn und fünfzig Jahren durch öffentliche Bekanntmachung aufgerufen,
in den ihnen nächstgelegenen Sammellagern vorzusprechen, um sich dort
durch die französischen Militärbehörden überprüfen zu lassen. Für Anton
Räderscheidt, Gert Kaden und Alfred Kantorowicz bedeutete dies, sich am
nächsten Tag in den so genannten "Baracken von Toulon" einzufinden. Über
das Leben in diesem Lager, das noch zu den humanen zählte, berichtet
Alfred Kantorowicz in seinem Buch "Exil in Frankreich" Seinen
Tagebuchaufzeichnungen, die diesem Werk zugrunde liegen, und den
Erinnerungen weiterer Mithäftlinge und Leidensgenossen verdanken wir heute
die wenigen Informationen über Räderscheidts Leben während der Jahre 1939
bis 1942 - eine Zeit, die für Räderscheidt die schlimmste seines Lebens
gewesen sein muss und über die zu sprechen er sich stets weigerte. Damals
erreichte das Desaster des Krieges den Höhepunkt seiner Auswirkungen auf
das Leben der Menschen, die, auch wenn sie überlebten, allzu oft an Körper
und Geist gebrochen blieben -es gibt keine Lagerberichte, in denen nicht
täglich von Depression, Wahnsinn und Selbstmord die Rede gewesen wäre.
Selbstverständlich musste sich diese extreme existentielle Bedrohung auf
das künstlerische Potential der geschundenen Menschen auswirken. Das wahre
Ausmaß der dadurch entstandenen Schäden, das allenfalls an den
Überlebenden zu messen wäre, ist allerdings bis heute kaum erkannt,
geschweige denn gewürdigt worden. Selbst ein gut gemeinter und
denkwürdiger Satz wie der von Theodor W. Adorno, dass man nach Auschwitz
keine Gedichte mehr schreiben könne, bedeutet in seiner Ästhetisierung ein
schnelles und verdrängendes Ablegen des Problems, welches das einzelne
Künstlerschicksal und damit jeden einzelnen Betroffenen mundtot macht.
Natürlich hat man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben können -aber wie
hat man sie noch schreiben können, wie haben die Betroffenen sie noch
schreiben können? Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist man bis heute
dieser Frage weitgehend ausgewichen und hat damit eine Gelegenheit
versäumt, Wiedergutmachung dort zu leisten, wo sie am nötigsten gewesen
wäre: an der künstlerischen Persönlichkeit der Opfer durch die angemessene
Würdigung ihres nach Auschwitz entstandenen Werkes. Im Folgenden muss, um
also der künstlerischen Persönlichkeit Räderscheidts gerecht zu werden,
zunächst ausführlich auf seine damaligen Lebensumstände eingegangen
werden, zu deren möglichst authentischer Schilderung die Zeitzeugen selbst
sprechen sollen.
Kantorowicz (der im sechzig Kilometer von Sanary entfernten Bormes lebte)
und Räderscheidt lernten einander erst im Lager kennen, wo sie, wie
Kantorowicz schreibt, mit anderen Häftlingen zusammen »eine kleine
Tischgemeinschaft« bildeten, »abends bei Kerzenlicht anhand einiger
Skizzen von Räderscheidt über abstrakte Malerei diskutierten« und sich
anfreundeten. Nach neun Tagen, am 17. September, wurden Räderscheidt,
Kantorowicz und ihre Leidensgenossen unter den Schmähungen der
Bevölkerung, die sie für gefangene Nazis hielt, in das Sammellager Les
Milles bei Aix-en-provence deportiert. Dort sollte anhand der im deutschen
>Reichsanzeiger< veröffentlichten Ausbürgerungslisten ihre politische
Unbedenklichkeit überprüft werden und sich schließlich für Räderscheidt
bereits nach ein oder zwei Tagen, für Kantorowicz am 23. September
herausstellen und ihnen die Rückkehr zu ihren Familien nach Sanary und
Bormes ermöglichen. Räderscheidt und Kantorowicz sahen einander zum
Jahreswechsel 1939/40 wieder, als der Schriftsteller mit seiner Frau
Friedel in Sanary, Marta und Lion Feuchtwanger besuchte, deren Villa
Valmer direkt neben der Räderscheidts und Ilse Salbergs lag. Kantorowicz
schreibt über seinen Besuch in "Le Patio": »In anderer Weise erholsam
waren die Stunden bei Feuchtwangers Nachbarn, dem Maler Anton
Räderscheidt, dessen "Haltung" (ich gebrauche diesen Begriff absichtsvoll)
in den Baracken von Toulon ich schätzen gelernt hatte. Er war ein großer;
schlanker Mann, Ende Vierzig, mit einem schmalen, länglichen Gesicht, von
verschlossenem, etwas brummigem Wesen. Er hatte, wie so viele andere
Deutsche, die von den Nazis als "undeutsch" bezeichnet wurden, nach
Hitlers Machtantritt seine rheinische Heimat verlassen, ohne rassisch oder
politisch dazu genötigt zu sein; allerdings war die Frau, mit der und
deren Sohn er zusammenlebte, nach den Nürnberger Rassegesetzen "nicht ganz
einwandfrei". Auch als Künstler kam er dem Primitivismus der erfolgreichen
Herren vom >Reichsverband bildender Künstler Deutschlands< nicht entgegen.
Er hatte in den zwanziger Jahren mit seinen (nachexpressionistischen)
Porträts Erfolge gehabt. Da er kompromisslos geblieben war; wurde er zum
>Entarteten Künstler< erklärt; seine in Kölner; Düsseldorfer; Essener;
Krefelder; Nürnberger und Berliner Museen befindlichen Bilder wurden
vernichtet. Mit ihm sprach man Erholsamerweise nicht über Literatur oder
Politik, sondern über Kunst (und da hatte ich viel zu lernen), oder man
schwieg mit ihm, was man mit wenigen Menschen kann.
Das Leben in Freiheit sollte für die deutschen Emigranten nicht lange
dauern. Der Beginn der Hitler-Offensive gegen den Westen, die Niederlande,
Belgien und Frankreich ließ Schlimmes befürchten, und bereits am 14. Mai
1940 verkündete die Presse, dass alle freigelassenen männlichen Emigranten
im Alter von siebzehn bis fünfundsechzig Jahren wieder interniert würden.
Kurz nach der Ernennung Marschall Petains zum stellvertretenden
Ministerpräsidenten am 18. Mai wurden Räderscheidt und Ernst Meyer, der
bei Kriegsausbruch aus seinem Londoner Internat nach Sanary gekommen war,
aufgefordert, sich am 21 .Mai im Lager von Les Milles zu stellen. Lion
Feuchtwanger beschreibt in seinem Buch >Der Teufel in Frankreich< 189, wie
sie sich tags zuvor auf dem Bürgermeisteramt von Sanary einen
Passierschein ausstellen ließen und nach Les Milles aufbrachen »Wir
waren unser viere, die morgen nach Les Milles abzugehen hatten: jener
Maler R. [Räderscheidt], mein Nachbar, dann sein Sohn, der gerade siebzehn
geworden war und also auch daran glauben musste, dann ich, schließlich
noch der Schriftsteller K. [Kantorowicz], ein Deutscher, der in Spanien
auf Seiten der Republik gefochten hatte<. So wie für Ludwig
Marcuse Sanary in den zwanziger und dreißiger Jahren die »Hauptstadt der
deutschen Literatur« darstellte, muss man nun die französischen
Internierungslager Retrospektivais Zentren deutscher Kultur auffassen.
Unter prekären Umständen trafen sich dort Persönlichkeiten wieder, die das
kulturelle Leben in Deutschland entscheidend mitgeprägt hatten, in Les
Milles Walter Hasenclever, Golo Mann, Max Ernst, Wols (Wolfgang Otto
Alfred Schulze-Battman), Hans Bellmer und Räderscheidts engster Freund
Heinrich Maria Davringhausen, um nur einige Namen zu nennen.

Le banquet des nations,
oeuvre collective, 1941
Wandgemälde im Lager les Milles
Das Leben im Lager von Les Milles, einer stillgelegten Ziegelfabrik, in
der nun 3000 Emigranten interniert waren, wird von vielen Insassen,
besonders von Feuchtwanger und Kantorowicz, ausführlich und eindringlich
beschrieben. »In einem Ziegelbau waren wir untergebracht, und die
Ziegel waren das Merkmal dieser Zeit. Ziegelmauern, durch Stacheldraht
gesichert, schlossen unsere Höfe von der schönen, grünen Landschaft
draußen ab, zerbröckelnde Ziegel waren überall gestapelt, sie dienten uns
als Sitze und als Tische, auch dazu, das Strohlager des einen von dem des
anderen abzutrennen. Ziegelstaub füllte unsere Lungen, entzündete unsere
Augen. Lattengestelle für die Ziegelliefen die Wände der Säle entlang und
nahmen uns noch mehr weg von dem spärlichen Raum und von dem spärlichen
Licht, und wenn uns kalt war, dann mochte wohl der eine oder andere von
uns hineinkriechen in einen der leeren, großen Öfen, die zur Herstellung
der Ziegel bestimmt gewesen waren, und sich wärmen an den Assoziationen
des Wortes Ofen. Wir mussten die Ziegel herumtragen, bald stapelten wir
sie hier, bald dort. In Schubkarren fuhren wir sie herum, und dann, unter
dem Kommando eines Sergeanten, warfen wir sie von Hand zu Hand und
schichteten sie in bestimmter Ordnung. Die Arbeit war nicht eben schwer:
Das Ärgerfiche, Empörende daran war Ihre vollkommene Sinnlosigkeit, denn
sie war uns nicht aufgetragen zu einem vernünftigen Zweck, man wollte uns
lediglich beschäftigen. Wir wussten, wir würden morgen oder übermorgen
oder spätestens am
dritten Tag die schön errichteten Ziegelstapel wieder zerstören und
anderswo neu aufbauen müssen. «
Neben der in ihrer
Sinnlosigkeit entwürdigenden Arbeit und dem physischen Leiden an Typhus
und Ruhr, begünstigt durch katastrophale hygienische Bedingungen,
unzureichende Ernährung und mangelnde medizinische Versorgung, litten die
Häftlinge besonders unter der Sorge um ihre Frauen und Kinder, die, wie
sie erfuhren, bald nach ihren Männern in das berüchtigte Pyrenäenlager
Gurs deportiert worden waren.192 Für viele unerträglich war zudem die
ständige Gefahr, am Ende noch den immer näher rückenden Nazis ausgeliefert
zu werden, wozu sich die französische Regierung unter Petain schließlich
im Waffenstillstandsvertrag vom 22. Juni verpflichten sollte.193 Einen Tag
zuvor, am 21. Juni 1940, nahm sich Walter Hasenclever in Les Milles das
Leben, nicht ahnend, dass der nächste Tag eine Wende bringen konnte, die
Franz Schoenberner, der in Les Milles internierte letzte Chefredakteur des
>Simplicissimus<, in seinem Buch >Innenansichten eines Außenseiters<
beschreibt. Am Tag der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages
mitsamt seinen Auslieferungsparagraphen nämlich wurde ein Transport
derjenigen Gefangenen organisiert, für die eine Auslieferung den sicheren
Tod bedeutet hätte. Ein Zug sollte zweitausend Männer nach Bayonne
bringen, von wo aus sie nach Nordafrika verschifft zu werden hatten. In
Bayonne angekommen, »wurde der Transport mit der Nachricht empfangen, dass
die Deutschen in zwei Stunden da sein würden. Also ging die Fahrt auf der
gleichen Strecke zurück, immer verfolgt durch das Gerücht von nahenden
deutschen Armeen. In Wirklichkeit lag hier ein groteskes Missverständnis
vor Da der Zugkommandant den Transport telefonisch in Bayonne als einen
>Zug mit Boches< angekündigt hatte, glaubte man dort deutsche
Truppen in der Nähe, so dass die qualvolle Rückfahrt zu einer
tragikomischen Flucht vor dem eigenen Schatten wurde. « Nimes war die
Endstation des so genannten Gespensterzuges. Dort wurden alle Häftlinge
ausgeladen und mussten einen Fußmarsch zum etwa zwanzig Kilometer
entfernten Lager Saint-Nicolas antreten, den die Kranken und Erschöpften
kaum mehr bewältigen konnten. »Alle paar Meter stellten die älteren
Herren ihre Koffer und Bündel ab. Einige hatten besonders auffällige
große, rechteckige Pappen unter einen Arm geklemmt, das waren die Maler
und Graphiker Räderscheidt, Isenburget: Max Ernst, die sich von ihren im
Lager gemalten Bildern oder Zeichnungen nicht trennen wollten.«
Räderscheidt, Ernst Meyer, Kantorowicz und Davringhausen nutzten den
Marsch nach Saint Nicolas, der für die wenigen Bewacher kaum noch
überschaubar war, zur Flucht.