|
Nachdem Anton Räderscheidt, Ilse Salberg und Brigitte Metzger im
Frühjahr 1936 Frankreich durchreist hatten, um ein neues Zuhause auf dem
Land zu suchen, ließen sie sich schließlich doch endgültig in Paris
nieder. Räderscheidt mietete eine Atelierwohnung in der Rue des Plantes
26 und zog damit wieder in die Nachbarschaft von Max Ernst, der bereits
seit 1922 in Paris lebte und im selben Haus wohnte. Doch, wie
Räderscheidt rückblickend in sein Tagebuch schrieb, »mit dem Mieten
eines Ateliers und dem Aufstellen einer Staffelei ist in einem fremden
Lande für einen Maler noch nichts getan“. Es vergeht schon eine lange
Zeit, bis er so eingelebt ist, dass die Konzentration auf die Leinwand
möglich wird. Räderscheidt brauchte fast ein ganzes Jahr der
Orientierung in der von der gewohnten deutschen doch sehr verschiedenen
Kunstszene von Paris, das in der Mitte der dreißiger Jahre als
kulturelle Hauptstadt Europas eher einem Hexenkessel als einem
Schmelztiegel glich und von Räderscheidt als ebenso anziehend wie
bedrohlich empfunden wurde. So suchte er, der später zynisch behaupten
sollte, »dass das Massengrab der einzige (ihm) denkbare Raum sei, in
dem ihn »die Mitmenschen nicht stören würden« nach einer Fluchtburg
auf dem Land als Zweitunterkunft neben seinem Pariser Atelier. Bei der
Suche konnte Räderscheidt von seiner neu geschlossenen Freundschaft mit
dem Bildhauer Andre Bloc (1896-1966) profitieren, der im Jahre 1930
zusammen mit Le Corbusier und Mallet-Stevens die Zeitschrift
>L'Architecture d'aujourd'hui< gegründet hatte. Bloc besaß mit dem Hügel
von La Cride ein großes
Baugrundstück im südfranzösischen Sanary-sur-Mer und hatte für seine
Bebauung mit Ferienhäusern einen Wettbewerb ausgeschrieben, in dem die
Architekten Maurice Grandjean und Joel Guenec mit ihren Entwürfen einen
ersten Preis gewannen. Von Bloc kauften Räderscheidt und Ilse Salberg ein
Grundstück und von Grandjean und Guenec die Pläne für das Haus >Le
Patio<, einen an der Architektur des Bauhauses und Le Corbusiers
orientierten Pavillonbau mit Innenhof und einer die späteren Besucher
besonders beeindruckenden Küche, in die die Architekten eine der
Neuentwickelten Eisenbahn-Bordküchen (Mitropa) einbauen ließen. Noch im Jahre 1936
konnten Räderscheidt und seine neue Familie das Haus beziehen und dort den ersten Sommer verbringen. Wie der Hausbau in Sanary und der Unterhalt
einer Atelierwohnung in Paris bezeugen, 1937 war Räderscheidt in ein
Atelier in der Villa Brune gezogen und wohnte dort neben Henri Laurens,
war Räderscheidts finanzielle Situation dank des Vermögens, das Ilse
Salberg in die Beziehung einbrachte, so günstig wie selten zuvor.
Während Max Ernst und andere zum sechzigsten Geburtstag Otto Freundlichs
(1938) einen Spendenaufruf verfassten, der dem am Rande des
Existenzminimums lebenden Künstler Geld zum Kauf von Farben einbringen
sollte, kannte Räderscheidt keine materiellen Sorgen. Es war ihm
möglich, Leinwand und Farbe für höchst umfangreiche Bildserien zu
beschaffen und sogar eine Sammlung von Werken Legers und Picassos
anzulegen. 1937, im Jahr der Weltausstellung, gelang es Räderscheidt
auch, sich künstlerisch in Paris zu etablieren, wobei ihm die Freunde
aus Kölner Zeiten, Otto Freundlich, der seit 1924 wieder in Paris lebte,
und Jankel Adler, der 1937 aus Polen
hierher zurückgekehrt war, Hilfe leisten konnten.
Räderscheidt machte die Bekanntschaft Hans Hartungs und Fernand Legers
und nahm nunmehr an den jährlichen Ausstellungen des „Salon des
„Surindependants“ teil. Während die meisten der zahlreichen Exilanten in
Paris sich mit einer Beteiligung an Gruppenausstellungen zufrieden geben
mussten um ihre künstlerische Existenz aufrechtzuerhalten, konnte
Räderscheidt in diesem Jahr auch schon eine bedeutende Galerie für eine
Einzelausstellung gewinnen. Es war dies die von Pierre Vorms sehr
engagiert geleitete Galerie Billiet-Vorms, die seit 1934 zum
»wichtigsten Ausstellungsort neorealistischer Tendenzen« geworden
war. Vorms hatte in die Richtung eines expressiven Realismus weisende
Ausstellungen wie Le retour au sujet (Januar 1934) und Le réalisme et la
peinture (Juli 1936) organisiert."' Letztere wurde von einer Reihe
Aufsehen erregender Diskussionsabende begleitet, die die Maison de la
Culture in der Galerie veranstaltete, um »die Menschheit aus ihrer
Gleichgültigkeit herauszureißen“ wie Georges Besson in der Commune
vom August 1936 schrieb.
Nach George Grosz, Lind, Frans, Masereel
stellte Pierre Vorms von Mai bis Juni 1937 Anton Räderscheidts noch feuchte Gemälde der Serie „Les Monstres“ aus, insgesamt etwa vierzig Bilder, die nahezu sämtlich verschollen sind. Die
Ausstellung eröffnete der bekannte Kunstkritiker Louis Chéronnet mit
einer auf der Einladung abgedruckten Einführungsrede:
„Man
muss gefährlich malen.-
Räderscheidt der aus Köln über Berlin zu uns kommt und dessen erste
Ausstellung in Paris diese hier ist, malt weiterhin gefährlich. Noch
nichts von den alten eruptiven Kräften des germanischen Expressionismus
hat sich in ihm beruhigt. Noch immer ist er besessen von einem dunklen
inneren Feuer, und aus einem noch bewegten, unruhigen Lind
widerspenstigen Stoff schafft er gekonnt seine heftigen Gestaltungen.
Nicht die leiseste Absicht einer Verführung. Nicht einmal durch die
Farbe. Räderscheidt malt in gewaltigen, reinen Tönen, doch fast ohne
äußeres Licht, und gerade durch die organische Schwierigkeit des Ganzen
nimmt uns ein solches Bild gefangen. Es enthält das volle Pathos des
Ursprünglichen. Und in seinen Massen nackter Körper, die sich den
ungestümen Arabesken des Meeres widersetzen, sehe ich die synthetische
Erscheinung des Menschen, der als Beherrscher immer noch sich auflehnen
muss. Auf halbem Wege zwischen Abstraktion und Realismus und angetrieben
von einem bestimmten metaphysischen Willen ergreift uns die Kunst
Räderscheidts an unserer empfindlichsten Stelle: in den Regionen unseres
Selbst, in denen das Sein zu denken, ein tauber Schmerz ist.“
die missliche und äußerst bruchstückhafte Dokumentationslage zu
Räderscheidts von Verlusten und Fluchten geprägter Exil zeit, an die der
Künstler selbst meist jede Erinnerung abgelehnt hat und die somit nur
mühsam aus unterschiedlichsten Quellen
rekonstruiert werden kann, stellt dieses eindeutig identifizierbare Bild
einen
ausgesprochenen Glücksfall dar. Mit gerade
drei weiteren Gemälden aus dem Jahre 1936, die erst kürzlich - ebenfalls
in Gestalt von Schwarzweißfotos von Marc Vaux - wieder gefunden werden
konnten, vermag es Aufschluss zu geben über eine Phase im Exil Werk
Räderscheidts, die bisher gänzlich unbekannt war, für die Beurteilung
seiner weiteren Entwicklung jedoch von entscheidender Bedeutung ist.
Der 1933 nach Paris emigrierte Kunsthistoriker Paul Westheim, der bis zu
seiner Emigration eine der überragenden Persönlichkeiten der deutschen
Kunstszene gewesen war und diese nun in Paris am Leben zu erhalten
suchte, sah in Räderscheidts Bildern der Ausstellung bei
Billiet-Vorms das Ergebnis dreier Jahre der Unrast außerhalb
Deutschlands, die für ihn eine neue Etappe des »Reicher- und
Reiferwerdens« bedeutet hätten:
"Er
bringt mit jene entschiedene Disziplin;
artverwandt der modernen Architektur, die aus der Konstruktion den
klar umrissenen Baukörper formt, eine Malerei, die mit scharf umrissener
Flächenkontur wirtschaftet. Dunkelheit gegen Helligkeit stellt, durch
Kontrastierung der Flächen den Raum gestaltet. Diese Disziplin, dieser >sens
constructif<, wie man in Frankreich sagt, durch den aus gemalter Fläche
Gestaltung wird, erlaubt es ihm, nun freier, souveräner mit den Mitteln
zu wirtschaften. Er braucht nicht mehr auf die Reize des Malerischen,
auf den persönlichen Strich, auf den Glanz der Farben, auf die Vielfalt
der Nuancierung zu verzichten. Zu der Haltung kommt die Kraft des
Ausdrucks, Vision, die angereichert ist durch Licht, Farbe und Leben. Er
hat u[nter] a[nderen] zwei große Kompositionen da, straff gebaut, eine
Pyramide aus Leibern, in . Orchestrierung breit, fast barock ausladend.
Ein Schwung, der mehr als nur Vortrag ist. Dass Räderscheidt aus der
heimischen Enge herauskam, hat ihm entschieden genutzt."
Auch Westheim bezieht sich auf
Räderscheidts großformatiges Gemälde
"Les Noyes" (Abb.unten) mit seiner
»Pyramide aus Leibern«, aus von ihrer eigenen Masse erdrückten,
aufgequollenen und geblähten Körpern ohne Gesicht oder mit amorph
mutierter Physiognomie. Die pyramidale Komposition dieses archaischen
Endzeitgemäldes hat ihre Vorbilder in den traditionellen Sintflut- und
Schiffbruchdarstellungen vom Manierismus bis hin zu Theodore Gericaults
>Floß der Medusa<. Obwohl Westheim durch die bewegten, runden und
voluminösen Formen von einer »breiten, fast barock ausladenden
Orchestrierung« und Franz Roh von »einer Art Gigantenbarock
sich angemutet fühlen, präsentiert sich Räderscheidt doch auch in diesem
vielfigurigen Bild weiterhin als Meister der Reduktion, indem er die
Katastrophe nicht als motivisch vielfältige und detailreiche Erzählung
anlegt, sondern sie im wesentlichen als eine des auf seine
Kreatürlichkeit und bloße Existenz zurückgeworfenen Menschen begreift.
Wenn auch dieses Bild, ebenso wie die folgenden, Räderscheidts
Neugewonnenes Selbstbewusstsein nach seinem Aufbruch aus der
bürgerlichen Puppenwelt des >Magischen Realismus< dokumentiert und ihn
künstlerisch wesentlich befreiter und souveräner zeigt, so ist seine
Entstehung doch ohne das Erlebnis ebenjenes >Magischen Realismus< nicht
denkbar. Es ist die formal konsequente Fortsetzung eines von
unabdingbarer Statik - dem sens constructif- geprägten
persönlichen Kompositionsstils, eine Übertragung der vielfigurigen
Arrangements der >Aufbruchbilder< in eine maltechnisch freiere, weniger
gehemmte und weitaus elegantere Sprache. Wie im Davringhausen-Porträt
sind die vom scharfen Kontur beherrschten Figuren in verschiedenen
Ansichten wiedergegeben. Der anonym typisierte Mensch als Kreatur an
sich wird simultan in seiner Multivalenz ausgestellt: in Vorder- und
Rückansicht, im Profil, in Auf- und Untersicht, als plastisches Volumen,
als bloße, flächige Umrissform und in unterschiedlichen Körperhaltungen.
Diese Methode, aus »fragmentarischen Ansichtsbildern «ein» ganzheitliches Vorstellungsbild <zu schaffen, war vom Kubismus entwickelt worden. Auch der Surrealismus,
besonders Salvador Dali in seinen simultanen Mehrfachporträts der Gala,
betrieb mit den ihm eigenen Ausdrucksmitteln diese die menschliche
Wahrnehmung befragende, Psychoanalysierende Darstellungsform.
Räderscheidt bediente sich ihrer in einer seinen expressiv-realistischen
Bedürfnissen entsprechenden Weise. Die Vielfalt der stilistischen Bildkomponenten in einem
Werk wie >Les Noyes< reflektiert die heterogene Situation der Kunst in
der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, als Kubismus und Surrealismus
mit ihren herausragenden Malerpersönlichkeiten zwar dominierten, jedoch
flankiert wurden von Stilen, die erstmals im 20. Jahrhundert die bisher
erfundenen modernen Ausdrucksmöglichkeiten resümierten und revidierten:
Neoexpressionismus, konstruktivistischer Realismus, Kuborealismus,
Postkubismus und expressiver Realismus waren die Stile, die sich über
die Phase der Abstraktionen hinweg bis in unsere Zeit behaupten konnten
und damals von der
Galerie Billiet-Vorms in Einzel- und Themenausstellungen propagiert
wurden. Ein solches Resümee zieht Räderscheidt noch einmal
in einem weiteren der nur fotografisch überlieferten Gemälde aus der
Serie >Les Monstres<
von 1936. Dieses
großformatige Bild das man sich, wie die anderen, nach Cheronnet farbig
»in gewaltigen, reinen Tönen«
vorstellen muss, zeigt vier männliche Aktfiguren in ein
farbiges Flächenraster geschachtelt, in dem drei abstrahierte
Sprungbretter waagerechte Schwerpunkte setzen. Die Komposition wird
beherrscht von der leicht schräg in die rechte Bildhälfte montierten,
frontal gesehenen und sehr hell an die Bildoberfläche drängenden Gestalt
eines amphibischen, scheinbar aus einem Gewässer auftauchenden Zyklopen.
Es ist die monströse Synthese der Monumentalfigur eines archaischen
Kouros mit den zum Stumpfsinn verformten, nach unten fliehenden
Gesichtszügen eines aufgeblasenen böcklinschen Wassermannes; mit rund
aufgequollenen Gliedmaßen, die an die Riesinnen Picassos und die drallen
Menschendarstellungen Legers erinnern. Ebenso statuarisch und monumental
wirkt die dunkler kontrastierende Rückenfigur im Zentrum des Bildes,
die, ähnlich dem ersten Monstrum, durch die Simultaneität von Auf- und
Untersicht in mehreren einander widersprechenden Perspektiven gesehen
wird, welche wiederum in Konflikt mit jenen der rechten Figur stehen.
Die durch die Figurenstaffelung suggerierte Räumlichkeit und
Perspektivität wird ein weiteres Mal gebrochen in der rechtwinkligen
Anordnung der beiden anderen, die Komposition nach oben abschließenden
Figuren: Die obere wird in Schwimmhaltung in frontaler Aufsicht gegeben,
während die untere, indem sie, zu einem Sprung ansetzend, innehält, auf
widersprüchliche Weise simultan in Rücken- und Profilansicht erscheint .Wie in einem Abgesang auf seine
künstlerische Vergangenheit fasst Räderscheidt in diesem Werk noch
einmal seine bisher verwendeten Stilmittel zusammen, um sich
gleichzeitig von ihnen zu distanzieren. In die thematische Fixierung auf
menschliche Befindlichkeit in ausweglosen, statischen Situationen dringt
durch studienhafte Addition verschiedener Bewegungs- und Standmotive die
Möglichkeit der Veränderung ein. Der Verzicht auf das bisher
unabdingbare Selbstbildnis deutet eine Öffnung des Solipsismus an; die
Mutation des neusachlichen >Manns mit steifem Hut< zu einer surrealen
monströsen Aktfigur übrigens bereits vorgeprägt in einem frühen Gemälde
aus dem Jahre 1920 - bezeugt eine Befreiung von äußeren Zwängen
zugunsten eines selbstbewussten, expressiven Auslebens der
künstlerischen Psyche. Der dem Bild noch anhaftende Collage- und
Montagecharakter sollte noch in diesem Jahr aufgegeben werden, wofür
schon das dritte Bild (Abb. oben) des Monstren-Zyklus Zeugnis ablegt.
Denn auch in dieser Strandszene ist das Motiv "der Badenden", das
Räderscheidt seit seinem Hausbau an der Cote d'Azur beschäftigt und die
Bilder aus den Jahren 1936 bis 1938 dominiert, surreal ins
Apokalyptische verfremdet - wobei dieser Eindruck sicherlich durch die
Reduktion der Farbe auf das Schwarzweiß des Fotos verstärkt wird. Die
Figuren sind nun nicht mehr auf eine Fläche montiert, sondern harmonisch
in einen plausiblen, wenn auch unwirklichen Raum gestellt, und sie
werfen Schatten. Sie sind nicht mehr als Additionen von Kopf, Rumpf und
Gliedmaßen wie die
manichini
der zwanziger Jahre konstruiert, sondern erscheinen innerhalb ihres
geschmeidigen, wie eine Zellmembran wirkenden Konturs elastisch, nicht
mehr starr und statisch, sondern selbst in unbewegter Haltung dynamisch
bewegt. Die Figuren sind bis zur Gesichtslosigkeit und Tilgung nahezu
jeglicher Binnenzeichnung abstrahiert. Starke Helldunkelkontraste und
raffinierte perspektivische Verkürzungen, deren virtuose Beherrschung
nachträglich noch einmal, das Absichtsvolle im Ungelenken und hölzern
Steifen der früheren Menschendarstellungen bezeugen, geben ihnen ein
ausgesprochen plastisches und raumgreifendes Volumen und lassen sie wie
gemalte Skulpturen erscheinen.
Der augenfälligste und wichtigste Wandel jedoch hat sich im Verhältnis
der Figuren zueinander und in ihrer Beziehung zu sich selbst vollzogen.
Die Menschen erscheinen nicht mehr als leere Gefäße, fremdbestimmt,
lethargisch und teilnahmslos, sondern selbstbewusst, erfüllt und
potentiell aktiv.
Das Paar, das die Szene dominiert, ist nicht mehr einsam,
wie es zwei Menschen sind, die ohne Beachtung des anderen nebeneinander
vegetieren, sondern intensiv aufeinander bezogen, ineinander geschmiegt
wie zwei, die sich gegenseitig bedingen und füreinander da sind. Im
Mittelgrund des Bildes erscheint noch eine leise Reminiszenz an die
"einsamen Paare" und "Sportbilder" der zwanziger Jahre: Der "Mann mit
steifem Hut", bekannt als Bezugsfigur des Betrachters, indem er diesen
im Bild vertritt, und als Schausteller, der sein Objekt zur Betrachtung
feilbietet, hat als athletischer Kouros eine andere Bedeutung erhalten.
Seine Position ist durch die kompakte und voluminöse Übermächtigkeit des
Paares und durch die links hinter ihm liegende Rückenfigur geschwächt .Ein liegend in sich ruhender weiblicher
Akt ist auch das Motiv des letzten aus dem Jahre
1936 als Foto überlieferten Bildes
(Abb. rechts unten) in dem
Räderscheidt sich dem Studium der Einzelfigur zuwendet und bemüht ist,
die Ausdruckskraft und -möglichkeiten mehrerer Figuren in einer einzigen
zu vereinigen und zu intensivieren. Die schwungvoll schönlini g
gerundeten Formen der in der Brandung Schlafenden kontrastieren mit der
wild gespachtelten, immateriellen Gischt des Meeres und verhelfen auch
dieser Gestalt zu einer skulpturalen Plastizität, in der konträr
gesetzte Weißhöhungen einen surrealen fotografischen Negativeffekt
erzeugen. Selbst noch in der Schwarzweißabbildung lässt sich die
drängende Heftigkeit und lebendige Spontaneität des vom Affekt
getriebenen Malvorganges nachvollziehen, etwa in der Art und Weise, in
der Räderscheidt immer und immer wieder sich einfühlend die Konturen
seiner Gestalten nachfährt und so den Linien ein ornamentales Eigenleben
einverleibt oder durch entschiedene Pinselhiebe Höhungen setzt. Während die Malerei des >Magischen Realismus< technisch
und stilistisch streng in die äußerst affektbeherrschte und bis zur
Selbstverleugnung disziplinierte Ölmalerei einerseits und die
skizzenhafte, bedenkenlos hingeworfene Gouache- und Aquarellmalerei
andererseits geschieden war, sollte Räderscheidt fortan zwischen diesen
Techniken nicht mehr unterscheiden. In der Erkenntnis, dass die
Temperamalerei ein schnelleres Arbeiten gestattete und zudem die
Spontaneität und Heftigkeit des Werkprozesses etwa noch in Schlieren-
und Tropfenbildung dauerhaft festzuhalten vermochte, sollte er sie in
Zukunft gegenüber der Ölmalerei bevorzugen. Der hemmungslosen
Expressivität des Malvorganges entsprechen von nun an auch die
exaltierten, ekstatischen Körperhaltungen, die Räderscheidt in bisweilen
tollkühnen perspektivischen Verkürzungen seinen Figuren aufzwingt, sie
auf radikale und brutale Weise bis zur Deformation überdehnt, streckt
und staucht, knetet und knechtet.
Eine Gouache wie >La Baigneuse< ( Abb.
rechts),
eines der ersten Werke aus dem Jahre
1938,
schließt stilistisch an die >Monstren<
von
1936
an, arbeitet jedoch mit kühnen Reduktionen und einer
Perspektive, in der die auf die Spitze getriebene optische Verkürzung
und die Anlage des Betrachterstandpunktes an Unerhörtheit miteinander
wetteifern. Der mit angewinkelten Beinen in Untersicht dem Betrachter
präsentierte Akt ist mit wenigen, bravourös gekonnten Pinselschwüngen in
Schwarz, Weiß und Umbra in emphatischer Plastizität gegeben und
monumental und raumfüllend in das Bildformat, das er zu sprengen droht,
gestaucht, so dass der weibliche Körper als bedrohlich gigantisches,
urgewaltiges Ungetüm erscheint. Franz Roh sah in diesen Bildern von 1936
und 1939, die, wie das gesamte vor Räderscheidts Rückkehr nach
Deutschland geschaffene Werk, nur zum Teil erhalten sind, das
»Triebmäßig-Animalische« walten, etwa in einer verschollenen
>Daphne< von 1936/7,(Abb. unten links)
»wo wieder einmal Mann und Weib konfrontiert waren.
Apoll stand schemenhaft im Hintergrunde, während das Weib in Verkürzung
auf uns zu lag, halb wie eine schollenartig schwangere Mutter Erde, halb
wie ein trunkenes Ungeheuer sich am Boden wälzend. Aus ihren
unheimlichen Gliedern brachen die Knospen wie Wunden, und aus dem
schweren, erhobenen Fuß wucherten pflanzliche Gebilde. Die Metamorphose,
mit der das Weib sich dem Zugriff des Mannes entzieht, in dieser Sage
sonst eher lieblich genommen, ist hierzu einem schauerlichen Vorgang
geworden, der fast an Grünewalds Versuchung des heiligen Antonius
erinnert." Wie die Kompositionen zum Sujet der "Baigneuse"
belegt auch jene eines in nahezu akrobatischer Stellung sitzenden Aktes
(Abb. rechts unten) auf einer großformatigen, mit dem Pinsel ausgeführten
Tuschzeichnung das Geistesblitzende, spontane und unreflektierte
Arbeiten Räderscheidts, dem während des unbedingt schnellen
Festhaltens-Wollens seiner momentanen Impulse nicht selten der
Bildträger zu klein wird, so dass die großzügig angelegten Figuren
zuweilen brutal in das Bildformat gezwungen werden, sich ihm fügen und
anpassen oder den Kopf verlieren müssen. Auf eine geradezu genialisch
>dekonstruktive< Weise ist es Räderscheidt auf diesem Blatt gelungen,
mit wenigen Linien aus dem Knoten zweier Beine und eines Arms (Roh 1952, o.
s.) einen plastisch wirkenden Körper zu formen, der in seiner
Kompaktheit mit äußerster Konsequenz das Bildformat aufgreift.
Verhältnismäßig natürlich wirkt dagegen das Sitzmotiv eines weiblichen
Rückenaktes am Strand, einer Art zyklopischer Iphigenie
(Abb.
unten). Räderscheidts ausschließliche
Konzentration auf die Aktmalerei (den erhaltenen Werken nach zu
urteilen) in seinem französischen Exil mag einerseits banal als
motivisch begründet zu erklären sein - sämtliche bisher vorgestellten
Bilder entstammen, wie verfremdet sie immer sein mögen, dem auch für die
Räderscheidt verwandten Expressionisten traditionellen Motivkreis der
>Badenden< und wären für einen an der Cote d'Azur lebenden begeisterten
Schwimmer selbstverständlich nahe liegend gewesen. Andererseits
entspricht die Ausschließlichkeit und Ursprünglichkeit des Aktes im
Eigentlichen und Wesentlichen jedoch der Ausschließlichkeit und
Ursprünglichkeit einer essentiellen Malerei, wie sie besonders
Räderscheidt betrieb, einer Malerei an sich, die den Maler als Maler in
Aktion sich erleben lässt und mehr dieses Erlebnis als eine thematische
Botschaft verkündet; die die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der
Bildkomponenten Fläche, Farbe und Raum verwirklicht und trotz
fortschreitender Abstraktion figurativ und am Menschen orientiert bleibt
und diesen konkret sich einfühlen und erleben lässt. In diesem Prinzip,
das er bis an sein Lebensende weitestgehend durchgehalten hat, liegt die
Qualität der Malerei Räderscheidts, und dieses Prinzip unterscheidet
seinen Stil von der konkreten und absoluten Malerei, die ihre
prinzipielle Reinheit, ihre Malerei an sich, im Abstrakten und
Informellen finden wollten.
Wie weit Räderscheidts Abstraktion gehen kann,
dokumentieren Gouachen wie >La Meduse< (Abb. unten rechts ) und >Pique-nique á Portissol< (Abb. unten links).
Erstere zeigt eine Schwimmerin, einen weiblichen
Akt mit amorph denaturierten, Amöbenhaften Körperformen,
in einem Meer, dessen Wellen zeichenhaft in parallele weiße
Pinselwische wie Mauerwerk übersetzt sind. Die im Titel >Pique-nique á
Portissol< versprochene Idylle offenbart sich als monströses Vexierbild
einer von verwesenden Fischen beglotzten Strandszene. Drei Figuren, die
in der analytischen Darstellung ihrer Körper mit dem Zellenwerk des
tiefblauen Meeres nahezu verschmelzen, beherrschen das Bild. In ihrer
überdehnten, ekstatischen Brückenstellung scheinen sie in einem
transitorischen Moment der Verwandlung von Frauen in Tiere oder von
Tieren in Frauen begriffen, indem Brüste wie Augen und die phantomhaft
stilisierten Köpfe wie Schnauzen gesehen werden können. Die in ihrer
ironischen Selbstverständlichkeit irritierende, motivisch suggerierte
Gleichgültigkeit von Tier und Mensch findet eine Entsprechung in der Art
des Malvorganges, in dem Räderscheidt bedenkenlos, spontan und heftig,
furios und virtuos seine Farben auf den Malgrund entlädt.
Wie bei den dreißig Jahre später entstandenen „bösen Bildern“ ist es
äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich, für diese in ihrer eigenen Zeit
isolierte, radikale Malerei konkrete Vorbildhaftigkeit nachzuweisen, die
über einen unverbindlichen Hinweis auf den Expressionismus und seine
Vorläufer hinausginge. Pierre Vorms hat Räderscheidts affektive und
extreme Malerei treffend zwischen einer Ausstellung der Gruppe der >Indelicats<
und einer des art cruel eingeordnet. Der art cruel, unter dem Pierre
Vorms eine Kunst mit dem Willen zur Provokation und Mobilisierung des
Betrachters subsumierte, in der sich die künstlerische Wut über die
Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts des Faschismus manifestierte, hat
sich innerhalb des Stilpluralismus am Ende der dreißiger Jahre kurz vor
Ausbruch des Krieges nicht (mehr?) etablieren können und ist bisher kaum
erforscht worden.
Mit seiner Beziehung zum Realismus und seiner Forderung nach
künstlerischer Subjektivität und starken Affekten scheint er aber wie
der art brutgerade im Hinblick auf die historische Einordnung der
figurativen Malerei der Nachkriegszeit von besonderer Bedeutung zu sein.
»Brutal« nannte Jean-Maurice Herrmann die Gemälde, die Räderscheidt vom
4. bis 18. November 1938 auf der Ausstellung >Freie Deutsche Kunst<
zeigte, die vom >Freien Künstlerbund< (FKB) unter dem Protektorat des
>Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller< (SDS) im Rahmen der
>Deutschen Kulturwoche< in der Pariser Maison de la Culture veranstaltet
wurde.
Der >Freie Künstlerbund< in Paris war am 20. April 1938 als
Nachfolgeorganisation des im September 1937 in Reaktion auf die am 19.
Juli desselben Jahres eröffnete nationalsozialistische Propagandaschau
"Entartete Kunst" entstandenen "Deutschen Künstlerbundes"
gegründet worden. Wie Eugen Spiro auf der Vernissage der >Freien
Deutschen Kunst< erklärte, hatte man sich zusammengeschlossen, weil die
aus Deutschland und Österreich ausgewanderten Künstler »im freien
künstlerischen Schaffen keine Einschränkung, keinen von oben diktierten
Zwang für unseren individuellen künstlerischen Ausdruck vertragen
konnten oder weil wir aus so genannten rassischen Gründen ein Verbot der
Ausübung unseres künstlerischen Berufes über uns ergehen lassen mussten«
Spiro war Vorsitzender des nicht viel mehr als dreißig Mitglieder
umfassenden Bundes, dem neben Spiro noch Max Ernst, Heinz Lohmar, Victor
Tischler, Gert Wollheim und die Kunstkritiker und- Historiker Paul Westheim und Sabine Spiro vorstanden.
Ehrenvorsitzender war Oskar Kokoschka, dessen Prager >Oskar
Kokoschka-Bund< sich dem FKB als Sektion angeschlossen hatte. In einem
bereits zitierten Brief hatte sich Räderscheidt erfolgreich um die
Aufnahme in den >Freien Künstlerbund< bemüht. Aus Sanary schrieb er am
16.8.1938 an Spiro: »Von Westheim erfahre ich von der Existenz des
Künstlerbundes. Er gab mir Ihre Adresse und den Rat, mich anzumelden.
Ich tue dies mit dem größten Interesse. «Bereits
auf der Gründungsversammlung der Vorgängerorganisation, des DKB, war
beschlossen worden, »als erste und wichtigste Aufgabe des Bundes, eine
Ausstellung der in Deutschland verfemten freien Kunst zu organisieren«.
Auch in London wurde eine solche Gegenausstellung vorbereitet,
allerdings nicht von den betroffenen Künstlern selbst, sondern von
Kunsthistorikern und Kunstkritikern unter Vorsitz Herbert Reads, mit
Exponaten aus dem Besitz emigrierter Kunsthändler und Sammler. Als
sich abzeichnete, dass die Londoner Organisatoren - nach eigenem
Bekunden aus Rücksicht auf die in Deutschland verbliebenen Künstler ihre
Ausstellung keinesfalls als politisches Forum nutzen wollten, kündigte
der >Freie Künstlerbund< seine Mitarbeit an dieser Unternehmung auf, die
schließlich anstatt >Banned Art< euphemistisch und neutralistisch >Exhibition
of 20t'' Century German Art< heißen und am 7. Juli 1938
eröffnet werden sollte. »Das Ausstellungskomitee möchte zwar«, so
schrieb Paul Westheim in einer äußert mißbilligenden Besprechung, »ein
Gegenstück zu Hitlers ,entarteter Kunst< zeigen. Aber doch
so, dass es Herrn Hitler nicht allzu wehe tut!«" Im Gegensatz zur
Londoner Ausstellung, bei der man »Juden und Emigranten nicht unter den
Protektoren haben« wollte'', wurde die Pariser Ausstellung >Freie
Deutsche Kunst< ausschließlich von Betroffenen veranstaltet und »stellte
den größten Versuch der aus Deutschland emigrierter Künstlerschaft in
Frankreich dar, in einer gemeinsamen Schau auf die durch die
Nationalsozialisten verfolgte Kunst aufmerksam zu machen und das
französische Publikum über die Kunstbarbarei Im Dritten Reich zu
informieren«. Dass dieses Ereignis tatsächlich die gewünschte
agitatorische Wirkung erzielte, die den damaligen Berichten in der
Tagespresse zu entnehmen ist",
verdankte es nicht zuletzt der Ausstellung
eines in Wien von der Gestapo zerschnittenen Gemäldes von Kokoschka
(>Porträt Robert Freund I<) und des Faksimiles einer ebenfalls von den
Nationalsozialisten zerstörten Rötelzeichnung Renoirs (>Rhone et Saone<),
die ebenso als entartet, galten wie zeitweise sogar Rembrandt
und Mathis Grünewald.
Als die Berlinische Galerie im Rahmen der Ausstellung >Stationen der
Moderne
versuchte, die zwanzig bisher
bedeutendsten Kunstexpositionen des 20. Jahrhunderts zu rekonstruieren,
erwies sich die >Freie Deutsche Kunst< als problematischstes Ereignis.
Da bisher kein Katalog nachgewiesen werden konnte, war Inka Graeve
gezwungen, in mühsamer Arbeit die Erinnerungen noch lebender Beteiligter
und schriftliche Überlieferungen, zeitgenössische Rezensionen etwa, zu
verwerten. Von siebzig Künstlern, die nicht alle dem FKB angehörten,
konnten nur vierundzwanzig ermittelt werden, und selbst deren
ausgestellte Werke ließen sich in vielen Fällen, so auch im Falle
Räderscheidts, nicht eindeutig oder gar nicht identifizieren. Nach
Räderscheidts eigenen Aussagen waren die Gemälde, mit denen er die
Ausstellung beschickt hatte, aktuelle Arbeiten und nicht, wie die
einiger anderer Künstler, ältere Werke aus der Hochzeit ihrer nationalen
und internationalen Anerkennung. Demnach müssen die laut Herrmanns
Kritik im Populaire, so »brutalen« ausgestellten
Gemälde Räderscheidts im Jahre 1938 entstanden sein und stilistisch den
bereits vorgestellten und noch vorzustellenden Werken dieser Zeit
entsprochen haben. Dass die Kritik Räderscheidts Bilder als brutal
empfand, liegt einmal in der Wirkung dieser Werke selbst begründet, wie
sich an den erhaltenen Stücken (unter denen sich möglicherweise sogar
die seinerzeit ausgestellten Werke befinden) nachvollziehen lässt,
andererseits im Kontrast zu den anderen, wenig spektakulären Exponaten,
aus deren verhältnismäßiger >Harmlosigkeit<, mit der man dem
Vorwurf der >krankhaften Entartung< entgegentreten wollte, Räderscheidts
neue und radikale Malerei herausragen musste. Wie für viele emigrierte Maler hätte die Ausstellung >Freie
Deutsche Kunst< gerade auch für Räderscheidt Sprungbrett für eine neue
Karriere sein können, hätten sich nicht bereits die Vorboten der
bevorstehenden Katastrophe gezeigt, wie die deutschen Judenpogrome,
ausgelöst durch Herschel Grynszpans Attentat auf den deutschen
Legationsrat vom Rath in Paris am 7. November 1938, auf das sich von
diesem Tag an die gesamte Presse konzentrierte.Von den Gemälden, die Räderscheidt bis zum Ausbruch des
Krieges Anfang September 1939 noch malte, haben sich nur wenige
erhalten. In ihrer Gesamtheit erlauben sie dennoch die Rekonstruktion
eines in seiner inneren Vielfältigkeit und stilistischen Unabhängigkeit
für diese Zeit bemerkenswerten Werkes, in dem Räderscheidt souverän
einen breiten Spielraum zwischen Figuration und Abstraktion auslotet.
Wie schon bemerkt, lässt sich zu Räderscheidts Kunst der späten
dreißiger Jahre schwerlich unmittelbar Vergleichbares, Vorbild- oder
Beispielhaftes finden, wenn man vom gelegentlichen Liebäugeln mit
kuboexpressionistischen Tendenzen absieht, die sich allerdings aus
seiner eigenen konstruktivistisch
beeinflussten Stilperiode ableiten lassen. Die meisten Bilder
Räderscheidts aus diesen Jahren, etwa eines aus der Serie der
Turmspringer< (Abb. rechts) mit seiner Zusammenstellung plastischer
Figuren in einer linear-ornamentalen Raumauffassung, >La Mediterranee<
(Abb. links unten )
und die Tennisspielerin< (Abb. links oben), eines der letzten Bilder von
1938, verdeutlichen den konstruktivistischen Ursprung der
Räderscheidtschen Kubismen und deren freie, undogmatische, zuweilen
anarchische Verwendung in einer aktionistisch-expressiven Umformung. Der sens constructif, die konstruktive Selbstbeherrschung
Räderscheidts, die in den geometrischen Reminiszenzen der
Tennisspielerin< von 1938 (einem wiederaufgenommenen Motiv des
>Magischen Realismus<) deutlich aufflackert, kann auch völlig aufgegeben
werden, wie in den Gouachen einer Serie von blau-weiß-roten >Phantomen<
(Abb. ganz oben), die bei Ausbruch des Krieges entstanden sind und in
krassester Reduktion, in punktueller Essenz die akute Situation
Räderscheidts und der Menschen in Frankreich festhalten wollen. Diese
Bilder zeigen primitivste, nicht mehr menschliche Kreaturen, die ihre
schildkrötenähnlichen Köpfe mit weit aufgerissenen Augen und überlangen
Hälsen aufgestört einander entgegen recken, indes die hektische
Bewegung wie bei Comicfiguren simultan durch zwei gegenläufig
gerichtete Köpfe auf einem Rumpf dargestellt ist. In ihrer gesamten
malerischen Anlage, der intellektuell völlig unbeherrschten, impulsiv
>aus dem Bauch heraus< drängenden Malweise, der Primitivität der
Zeichnung und der Physiognomien, in ihrem chaotischen >Aufbau,
und ihrer beschränkten Farbigkeit sind diese Bilder reduziert auf die
Darstellung eines einzigen, unbeherrschbaren Affekts: panischen
Entsetzens.
Dr.
Günter Herzog 1991
10.11.
|