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Lucien
Coquillat -Metzger und Retter- © alle Rechte bei Gisèle Räderscheidt - Nachdruck auch Auszugsweise nur mit Genehmigung.
Madame Brunet schickte mich
zum Bruder ihres Mannes, der mir vielleicht Auskunft geben konnte, denn
bisher hatte ich eigentlich nichts erfahren, was mir für meine Recherche
weitergeholfen hätte. Der zweite Name auf meiner Liste war der des Metzgers
Coquillat. Bei ihm hatte Anton sein Fleisch gekauft und daraus war dann eine
gegenseitige Zuneigung entstanden und eine hohe gegenseitige Achtung.
Coquillat kann kein Mann wie jeder andere gewesen sein. Wenn Anton von ihm
sprach, war es, als stände er leibhaftig vor mir. Ich läute also beim
Bruder. Nichts rührt sich- Stille. Ich läute wieder und eine Stimme hinter
der Tür fragt, was es denn gebe, Ich nenne den Namen Brunet und Alfonse
lässt mich endlich hinein. Argwöhnisch, denn wie alle mag er nicht an die
vierziger Jahre erinnert werden, ich sehe mich um. Seine Frau ist auch da.
Ich sage mein Sprüchlein auf. Sie rühren sich nicht, aber dann entschließen
sie sich doch, mit mir zu Coquillats Tochter zu gehen, Seine Frau ist
aufgeregt, so kann sie nicht über die Straße gehen, sie muss sich umziehen.
( Rührend, denn das Haus des Metzgers steht nur fünfzig Meter weiter, also
gleich um die Ecke.) Für sie ist das ein Ereignis. Sie wählt ein violettes
Seidenkleid mit dicken Blumen, das sie eigentlich nur an Hochzeiten und
Kommunionen anzieht, Sie hat inzwischen ein bisschen zugenommen und kommt
schlecht hinein. Ihr Mann muss ihr behilflich sein, Ganz penibel zieht er
ihr den Reißverschluss über den Rücken, ich muss Lächeln und denke an Felix
Krull und die Frau des Gänseleberfabrikanten ''Kühner Knecht und so
weiter...". Wir bereiten uns auf den Besuch beim Metzger vor, Das ist ein
Umstand Er richtet ihr das Kleid, er klopft sie ab, streicht die Falten
glatt. Nach fünfzig Ehejahren hat er ein Auge dafür. Sie lächelt, Sie ist
ganz fröhlich, Sie macht sich schön, es passiert etwas, für Sie ist das ein
wichtiger Ausgang. Ich bin das Publikum und amüsiere mich. Ich stelle fest,
dass die Frauen immer viel aufgeweckter sind und eine Situation einfach
immer viel schneller begreifen als die Männer. Wir stehen vor der Tür eines
alten Hauses, des Hauses der Coquillats. Sehr feudal, mit Holztäfelung,
riesigen Räumen und enormen Mauern, aus denen Kälte strömt. Die Tochter von
Coquillat kann sich nur schlecht erinnern, sie fühlt sich nicht wohl dabei.
Sie ist nachlässig gekleidet, ihre Bluse halb offen, ein Knopf fehlt, und
während sie Ihre Erinnerungen zusammenfegt, verfolgt mich ihr blauer
Schlüpfer, wir sind im Hof. Eine Frau, ihre Tante, die Schwester ihres
Vaters - "Sie ist aufgeweicht", sagt sie, Ich frage, was sie damit meine,
und indem sie die Augen nach oben rollt und mit ihrer Hand an ihrem Kopf
vorbeiwischt, antwortet Sie: "Sie ist bekloppt." Aha. - Ihre Tante putzte
einen Waschkessel voll grüner Bohnen zum Einmachen. Ein Mann, schüchtern und
farblos, servierte uns Pernod - ihr Freund, vermutlich, es war immer noch
furchtbar heiß. Diesen Leuten kommt kein "mein Lebensgefährte" über die
Lippen. Das ist den Intellektuellen vorbehalten, also murmeln sie eben
irgendwas daher. Sie verliert sich in ihrer Kindheit und vergisst mich
vollkommen. Ich bin müde und erfahre nichts. Als ich am nächsten Tag
wiederkomme, will sie ihre Schwester anrufen, die mit Brigitte zur Schule
gegangen ist. Sie geniert sich und sagt, ihre Mutter habe verboten, von
"diesen Leuten da" zu sprechen, denn Sie seien "versteckte Juden". Sie
erinnert sich, wie ihre Mutter versucht hat, Coquillat daran zu hindern, sie
in seinem Wagen mitzunehmen "weil er dabei sein Leben riskierte" und dieser
Satz sei ihr nicht aus dem Kopf gegangen, sagt sie, denn "Madame, damals
liebte man seine Eltern." Soviel an Nüchternheit rührt und langweilt mich
auf einmal. Alles, was sie von diesem Drama zu erzählen weiß, ist, dass
Anton ihnen drei leinene Küchentücher dagelassen habe und vor allem, dass
Anton ihrem Vater zum Dank ein Geschenk gemacht habe, einen Überzieher aus
einem Stoff, den man hier nicht kenne - sie reibt Daumen gegen Zeigefinger,
um sich das Gefühl zu vergegenwärtigen und dass er ein ausländisches Etikett
trug, und dass ihr Vater diesen Mantel liebte und ihn bis zu seinem Tod nur
an Festtagen getragen habe. Diese genaue Information erhielt ich am 11. März l982.
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